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Ankommen

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Ankommen in Deutschland

Über eine Million Geflüchtete kam allein im Jahr 2015 nach Deutschland. Experten schätzen, dass rund 40.000 der Flüchtlinge die Voraussetzungen haben, um an einer deutschen Hochschule studieren zu können. Wie geht es ihnen?

„Wir schaffen das“, dieser Satz im Herbst 2015 wird wohl in die Geschichte Deutschlands eingehen. Er löste Ängste aus, aber auch: Die Motivation und den Willen den Geflüchteten in Deutschland ein neues Zuhause zu geben.  

Wie es gelingen kann, die Neuankömmlinge in Deutschland zu integrieren, ist seitdem eines der wichtigsten Themen auf der politischen Agenda. Bildung ist in diesem Zusammenhang ein entscheidender Faktor: So unterstützt der DAAD, finanziert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die Hochschulen von 2016 bis heute mit insgesamt 100 Millionen Euro bei dieser Aufgabe. Mit dem Programm „Welcome“ werden engagierte Studierende unterstützt, die Geflüchteten helfen, an den Hochschulen anzukommen. Sie organisieren Sprachcafés, „Buddy-Programme“ und viele andere Projekte, um das Miteinander und das gegenseitige Kennenlernen zu fördern. Das Programm „Integra" bereitet die Flüchtlinge auf ein Studium in Deutschland vor. Besonders wichtig und gleichzeitig auch die größte Hürde ist hierbei das Erlernen der deutschen Sprache. Rund 25 000 Flüchtlinge wurden zwischen 2016 und 2018 in einem der Programme des DAAD nicht nur sprachlich, sondern auch fachlich auf ein Studium in Deutschland vorbereitet.  

Denn: Wir glauben an das Potenzial, das diese Menschen mitbringen. Viele sind nach manchmal jahrelanger Unterbrechung ihrer Bildungsbiographie, dem „Ausgebremstsein“ durch Krieg und Flucht, sehr motiviert. Wir wollten wissen, was die Flüchtlinge an den Hochschulen bewegt, was für Herausforderungen sie im Studium sehen und was für Träume sie bewegen – aber auch, wie sie es geschafft haben, ihren Weg zu gehen.
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Wir sind nach Hannover, Berlin und nach Wildau in Brandenburg gefahren und haben uns ihre Geschichten genauer erzählen lassen. Wir saßen mit ihnen im Hörsaal, waren mit im Schwimmbad, im Schnee spazieren und haben syrischen Kichererbsen-Salat gegessen.

Sie alle kommen aus Syrien: 80 Prozent der Geflüchteten, die an unseren Kursen teilnehmen, stammen aus dieser Region. Vor dem Krieg hatte Syrien ein sehr gutes Bildungssystem, rund 20 Prozent der Schüler eines Jahrganges besuchten nach dem Abschluss eine Universität. Viele der Kursteilnehmer mussten ihr Studium durch die Flucht abbrechen.

In Hannover haben wir Mohamad Dakelbab, 20, kennengelernt. Er besucht das Studienkolleg Hannover, um im Herbst sein Studium der Medizintechnik beginnen zu können.

Danach trafen wir Wafa Mustafa, 28, in Berlin. Ihr Vater verschwand in Syrien und sie versucht nun wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Auch das ist Teil der Realität der Flüchtlinge, die ihr Leben und Studieren in Deutschland prägt: Die Trauer um Verwandte, die verschwunden oder umgekommen sind. Rund ein Drittel der Flüchtlinge suchen in den Beratungsstellen der Hochschulen Hilfe bei psychischen und familiären Problemen. Dies zeigt auch das Vertrauen, welches die Studenten in die Anlaufstellen und die dortigen Beraterinnen und Berater haben. Er zeigt aber auch, wie wichtig die Arbeit der Hochschulen ist. Wafa Mustafa besucht das Bard College Berlin. Hier unterstützen wir die Hochschule und das Projekt „Campus Conversation“, bei dem Flüchtlinge die Möglichkeit haben, zusammen mit Deutschen die Sprache zu lernen.

Im letzten Kapitel begleiteten wir Samar Samara, 27. Wenn man sich „einen Geflüchteten“ malen könnte, um alle Kritiker der deutschen Flüchtlingspolitik eines Besseren zu belehren, sollte man sie kennenlernen. Samar beginnt im Frühling ein Praktikum am Fraunhofer Institut in Berlin, das Praktikum ist Teil ihres Studiums der Automatisierungstechnik. Wie geht es weiter nach dem Studium? Das sind Fragen, die sie aktuell beschäftigen: „Ich möchte mir hier etwas aufbauen“, sagt sie.
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Der Beginn

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Es war Herbst 2016 als Mohamad Dakelbab nach Deutschland aufbrach. Deine Zukunft ist in Europa, hatten seine syrischen Verwandten zu ihm gesagt. Ein Jahr später bereitet er sich an einem Studienkolleg auf sein Studium vor. Ein Besuch in Hannover.

Einmal, als er noch nicht sehr lange in Deutschland war, saß Mohamad Dakelbab zusammen mit Freunden in einem japanischen Restaurant in Berlin-Kreuzberg. Sie waren zu viert unterwegs, zwei Russinnen und ein Chinese und sie wollten kurz eine Kleinigkeit essen. Die Vier kannten sich aus einem Deutschkurs in Kassel und waren für ein paar Tage nach Berlin gefahren. Sie hatten sich die Überreste der Mauer angeschaut, die Graffiti im RAW-Tempel im Osten der Stadt und auch durch das Brandenburger Tor waren sie gelaufen.  
„Ich nehme gebratenen Reis mit Gemüse und Hühnchen“, Dakelbab war stolz, dass er diesen Satz ohne Fehler und Stocken hinbekam. Wie man auf Deutsch in einem Restaurant bestellt, hatten sie ein paar Wochen vorher im Deutschkurs gelernt. Manchmal fehlten ihm noch Vokabeln oder er vertauschte die Artikel. Aber heute hatte er alles fehlerfrei über die Lippen bekommen. „In english, please, i don´t speak german“, antwortete der Kellner. Dakelbab muss heute grinsen, wenn er von diesem Moment erzählt, der eine gewisse Ironie in sich birgt: Er, Mohamad Dakelbab, Flüchtling aus Syrien, der mit viel Fleiß und Ehrgeiz die deutsche Sprache lernt, soll nun in der deutschen Hauptstadt auf Englisch seinen Reis bestellen?

Er sitzt an diesem Vormittag Ende Januar in einem leeren Klassenraum des Studienkollegs in Hannover als er die Geschichte erzählt, die ihn auch zwei Jahre später noch amüsiert. Deutschland überrascht ihn immer wieder. „Deutsche sind organisiert und haben keine Emotionen,“ war das, was er früher in seiner Jugend in Syrien auf der Straße über sie hörte. Und klar, den deutschen Fußball, die deutsche Nationalmannschaft, die kannte man auch. Er lacht jetzt wieder, bei den Weltmeisterschaften war seine Mutter immer für Deutschland gewesen, er für Argentinien.
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Mohamad ist heute 20 Jahre alt, ein schmaler junger Mann, mit weichen Gesichtszügen und das Haar kinnlang. In seiner Heimat trug er es immer kurz, ein paar Zentimeter, nicht mehr. Lange Haare sind etwas für Mädchen, fand sein Vater. Doch sein Vater ist in Damaskus, knapp 4.000 00 km entfernt und er hat gerade viele andere Sorgen.

Seit September besucht Mohamad das Niedersächsische Studienkolleg Hannover. Als „Brücke“ werden die Studienkollegs, die es in vielen Bundesländern gibt, häufig beschrieben: als eine Verbindung zwischen den ausländischen Schulabschlüssen und der deutschen Hochschule. Nicht immer passt beides zusammen. Wer im Irak die Schule nach 12 oder 13 Jahren beendet, hat vielleicht andere Schwerpunkte im Mathe-, Erdkunde oder Englischunterricht gehabt als in Deutschland. Dazu kommt die Sprache: An vielen deutschen Hochschulen, vor allem im Bachelor-Studium, wird in erster Linie auf Deutsch unterrichtet. Auch hier müssen Mohamad und seine Kurskameraden aufholen.

Wer als Flüchtling in Deutschland studieren möchte, besucht am besten ein Studienkolleg, das hatte Dakelbab nach seiner Ankunft in einem Flüchtlingscamp in Kassel schnell verstanden und "Studieren wollte ich unbedingt." 
„Die Plätze sind begehrt“, sagt Cornelia Last-Wyka. Sie leitet das Kolleg seit 1,5 Jahren und erlebt seitdem den Ansturm auf die Plätze. Ein Nadelöhr nennt sie diese Auswahl. Sie zeigt jetzt aus ihrem Fenster: Im Hof stehen rote Container mit zusätzlichen Seminarräumen, im Zuge der Krisen der Welt und dem Zustrom an Flüchtlingen seit 2015 brauchte das Kolleg mehr Platz. Waren es vor 2015 rund 260 Plätze, nahm das Kolleg ab Frühling 2016 fast das doppelte an Studenten auf – ein großer Teil davon Flüchtlinge.  
Dabei könnten es noch mehr sein: Nächste Woche werden wieder rund 1500 Interessierte die Aufnahmeprüfung absolvieren. Den meisten wird sie keinen Platz anbieten können: Nur für gut 100 Neuaufnahmen hat Last-Wyka die Kapazität, nur die Besten werden ausgewählt. „Ich war sehr froh“, sagt Mohamad über den Moment, als er den Brief erhielt, der ihm mitteilte, dass er einen der raren Plätze im Studienkolleg bekommen hatte.

Mohamad packt jetzt seine Sachen zusammen, die nächste Stunde fängt bald an: Deutsch. Insgesamt 10 Wochenstunden lernt er diese fremde Sprache, die er so liebt, weil sie logisch ist, wie Mathe und so schön klingt, etwas rau, aber auch interessant. Mohamad lässt sich auf einen Stuhl im vorderen Teil des Klassenraums nieder, neben ihm sitzen seine Freunde, junge Männer aus Syrien, dem Iran und China. In der letzten Stunde hatte sich der Kurs damit beschäftigt, wie man das Gegenüber von seiner Meinung überzeugt. Soll es Computer im Kindergarten geben? Darüber hatte Mohamad in seiner Kleingruppe diskutiert. Er hebt seine Hand. „Ich denke, die Gefahr ist, dass die Kinder nicht mehr rausgehen“, sagt Mohamad. „Und sie reden nicht mehr miteinander.“  

An der Tafel hat die Lehrerin die Daten und Orte für die Meet and Speak Treffen aufgeschrieben. Viermal die Woche können die Teilnehmer des Kollegs sich mit anderen Deutschen in verschiedenen Cafés und Bars in Hannover treffen, „einfach nur reden, keine Hausaufgaben“, sagt die Lehrerin. Der Kurs lacht.
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Am Abend zerhackt Mohamad mit geübten Hieben einen Bund Petersilie, es ist kurz nach sieben und er ist endlich zuhause. In dem Einfamilienhaus hat er das oberste Zimmer unter dem Dach gemietet, 450 Euro zahlt er. Das ist viel, aber es war die einzige Möglichkeit, die ihm blieb. „Die Wohnungssuche“, er verdreht die Augen und beendet den Satz nicht. Der Wohnungsmarkt ist auch in Hannover angespannt. Über 70 Emails hatte er über WG-Gesucht.de verschickt, nur wenige antworteten. Das Zimmer ist nicht zu groß, gut 15 qm vielleicht, dazu das Bad und die Küche. Die Küche ist mehr eine Kochzeile, mit zwei Barhockern, an denen man essen kann und die er sich mit Beno und Wendy teilt, die ein Stockwerk tiefer wohnen.  

Mohamad ist erschöpft, der Tag war lang, bis um viertel nach sechs hatten sie noch Matheunterricht. Meistens mache ihm das Fach Spaß, solange er etwas versteht jedenfalls. Das ist nicht immer der Fall. Am Anfang war es schwer für ihn, das Niveau war höher als das in seiner Heimat. „Aber mittlerweile geht es,“ sagt er und kippt die Petersilie in eine Schüssel. Nach dem Kolleg möchte er im Sommer Medizin-Technik studieren. Als Kind wollte er immer Arzt werden, wie sein Onkel in Damaskus, in seiner Jugend war er dann fasziniert von Handys, Computern, der ganzen Technik. Als er dann in Kassel bei der Studienberatung der Universität saß und er von diesen Interessen erzählte, riet man ihm dazu, beides zu kombinieren: Medizin und Technik. Beim Studienkolleg hat Mohamad deshalb auch den T-Zweig gewählt: das T-steht für Technik. Bei ihm stehen vor allem Fächer wie Physik, Mathe und Chemie auf dem Stundenplan. Wer später etwas anderes studieren möchte, für den gibt es andere Schwerpunkte: in Medizin/Biologie, Wirtschaft, Geisteswissenschaft oder Sprachwissenschaft, je nachdem, was der Geflüchtete studieren möchte. Wenn Mohamad das Kolleg im Sommer abschließt, hat er sogar schon einen Studienplatz in Jena. Mal sehen, ob ich dort hingehe, sagt er.  

Die Tür geht auf. Beno und Wendy huschen herein, die kleine Küche ist jetzt voll. Beno kennt Mohammed noch aus Kassel aus dem Sprachkurs, plötzlich stand er dann im Studienkolleg in Hannover vor ihm. Als dann vor ein paar Monaten der Mitbewohner auszog, sagte Mohammed Beno Bescheid, einer meiner besten Freunde, sagt Mohammed über ihn. Wendy ist erst seit vier Monaten in Hannover, sie studiert Klarinette an der Musikhochschule. Sie schneidet die Tomaten in kleine Würfel: Ist das gut so?, sagt sie. Mohammed nickt. Menschen, wie diese beiden geben ihm ein Gefühl ein neues Zuhause zu haben.

Am Wochenende spielen sie oft Tischtennis, abends essen sie manchmal zusammen. Ab und zu bringen sie sich auch nur gegenseitig das Essen auf ihre Zimmer. Dann wenn Prüfungen anstehen oder sie lernen müssen und keiner von ihnen die Ruhe hat, sich gemütlich zusammen zu setzen. In Deutschland anzukommen, die Sprache, die Kurse, die Bürokratie, all das kostet Mohammed viel Energie. Und dennoch: All das hier, das Studium, das Leben fernab des Krieges, das ist ihm bewusst, ist ein Privileg.
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Am nächsten Morgen gleitet Dakelbab durch das Wasser des Ost-West Bades, nur knapp zehn Minuten zu Fuß von seiner Wohnung entfernt. Es ist kurz vor 10, draußen ist es nass und kalt und drinnen dampft die warme Luft. Mit kraftvollen Bewegungen drängt er das Wasser zur Seite, er taucht auf, schwimmt zwei Züge, einatmen, ausatmen, sein Kopf taucht ab. Mit neun Jahren hat ihm sein Vater in Syrien gezeigt, wie er sich durch die Arm- und Beinbewegungen über Wasser halten kann. Seitdem ist er immer geschwommen, in Syrien oft im Meer. Mit der ganzen Familie fuhren sie oft nach Latakia, sie mieten sich dort ein Haus, direkt am Strand: „Ich mag es, wenn die Wellen über mir brechen“, sagt er. Er stützt seine Arme auf den Beckenrand, holt tief Luft. In Deutschland schwimmt er vor allem um fit zu bleiben. „Ich vermisse das Meer“, sagt er.
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Was ist dein Lieblingswort?

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Mittags sitzt er in der Mensa der Universität vor einem Berg Tortellini mit Käse und Tomatensoße, alles verschwimmt zu rotem Brei. „Überall kommt Soße drauf“, er grinst, Mensa eben. Alles schmeckt dann gleich. Dakelbab spießt die Tortellini auf, das Schwimmen am Morgen macht ihn immer hungrig. In Kassel hat er mal selber Tortellinis gemacht, erzählt er, die waren sehr lecker. Er macht sich einen kleinen Zopf, beim Essen stören ihn die Haare, wenn sie ihm ins Gesicht fallen. Gleich hat er Deutsch, sie lernen, die Relativsätze umzuformen. Er sagt ein Beispiel: "Ich gehe heute Essen, obwohl ich keine Zeit habe.“ Er lacht jetzt und steht auf. Er muss los, wenn er nicht zu spät kommen möchte. Und das möchte er nicht. Seine Zukunft hat nämlich gerade erst begonnen.
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Zwischen den Welten

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Früher träumte Wafa Mustafa davon, Kriegsreporterin zu werden. Doch dann brach in ihrem eigenen Land der Krieg aus, ihr Vater wurde verhaftet und sie floh nach Deutschland. Über ein Leben zwischen den Welten.  

Vielleicht gibt es zwei Wafas. Da ist die eine Wafa, eine junge Frau, 28 Jahre alt, die sich auf den ersten, aber auch auf den zweiten oder dritten Blick nicht deutlich von den anderen Studierenden unterscheidet. Die ihre dunklen Haare lang trägt und morgens vor Universitätsbeginn ihre Augen mit schwarzen Kajal umrandet. Die am Bard-College, im Norden von Berlin, Humanities, the Arts and Social Thought studiert, die sich im Wohnheim über die Unordnung in der Gemeinschaftsküche beschwert und die davon schwärmt, wie sie im Sommer im Garten der Unterkunft alle zusammen bis tief in die Nacht Wasserpfeife geraucht haben.

Was man ihr nicht ansieht, was man höchstens erahnen kann: 2011 wurde ihr Vater verschleppt, seitdem fehlt jedes Lebenszeichen von ihm. Wafa selbst und ihre Mutter und ihre Schwester flohen in den Tagen nach dem Verschwinden in die Türkei.  

Die zweite Wafa ist nicht so gut sichtbar, auch wenn sie später sagen wird, dass sie sich nicht verstecken möchte mit der Schwere, die sie oft in sich fühlt: „Du bist so stark“, hört sie häufig von ihren Kommilitonen. „Aber irgendwie muss ich ja weiter machen“, sagt sie. Hier im Norden von Berlin, in Niederschönhausen, dem ehemaligen Diplomatenviertel der DDR, wirkt Syrien und sein erbarmungsloser Krieg weit weg. Einfamilienhäuser mit kleinen, hübschen Vorgärten reihen sich aneinander. Die Idylle und Ruhe des Viertels mag Wafa sehr, „nett oder?" ruft sie. Es ist zehn vor neun und Wafa geht mit zügigen Schritten durch die verschneiten Straßen. Sie hat sich ihren Schal bis über die Nase gezogen und heute morgen ihren wärmsten Wollmantel übergestreift. Es ist der zweite Tag im Semester und sie möchte auf keinen Fall zu spät kommen: „Die Dozenten nehmen Pünktlichkeit ernst“, sagt sie. Keine zehn Minuten läuft sie von ihrem Wohnheim bis zu dem Gebäude des College.
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Ihr gefällt ihr Studium, gerade weil es sich in vielerlei Hinsicht von dem in Syrien entscheidet. Die Klassen sind klein, es gibt kaum ein Gesicht der insgesamt 260 Studierenden, welches sie nicht kennt. „Die Professoren sprechen einem beim Namen an, das motiviert“, sagt Wafa. An der Universität in Damaskus sei alles viel anonymer.

Vor dem schlichten zweistöckigem Flachbau drängen sich jetzt kurz vor Unterrichtsbeginn die Studierenden. Wafa umarmt ihre Kommilitonen der Reihe nach zur Begrüßung, sie strahlt und erzählt und quetscht sich schlussendlich dann zwischen zwei Freundinnen in die dritte Reihe des Seminarraumes.
  
Seit 2016 gibt es an dem College Vollstipendien für Flüchtlinge. Wafa ist eine der ersten Stipendiatinnen. In einem der Kurse drückt ihr jemand eine Video-Kamera in die Hand. Es ist das erste Mal, dass sie einen kleinen Clip dreht – und eine Entdeckung: „Meine Filme geben mir die Möglichkeit, Gefühle auszudrücken, die ich nicht in Worte fassen kann.“ Das Studium ist für sie seitdem viel mehr als die bloße Aneignung von Wissen und Kompetenzen: Es ist für sie auch eine Chance, sich auch mit ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen.
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Eine Woche bevor die Universität losgeht, sitzt Wafa um die Mittagszeit in ihrem Wohnheimzimmer auf einem Schreibtischstuhl und umschlingt mit beiden Händen eine Teetasse. Draußen vor dem Fenster weht feiner Schnee. „Winter in Berlin“, Wafa seufzt, an die Kälte kann sie sich auch nach drei Jahren in Berlin nur schwer gewöhnen. Sie läuft jetzt ins Badezimmer nebenan, welches sie sich mit anderen Studierenden teilt, um den Wasserkocher aufzufüllen.

Der Stuhl ist die einzige Sitzmöglichkeit in dem länglichen Raum. In ihm hat nicht viel mehr Platz als das schmale Bett, ein Schrank und ein Regal, auf dem sie Bücher, Packungen mit Tees, Nagellack und anderen Krimskrams lagert, bei dem sie nicht so recht zu wissen scheint wohin damit. Auf einen senkrecht aufgestellten Koffer hat sie eine Schreibtischlampe gestellt, daneben steht der Wasserkocher auf dem Boden. Auf ihrem Fensterbrett steht ein gerahmtes Foto von ihrem Vater: ein ernster Mann mit Sonnenbrille und lichtem Haar. Es ist eines der letzten Fotos, das von ihm gemacht wurde.  

 „Er war ein Selfmade-Mann“, sagt sie. Erst studierte ihr Vater Psychologie, später verkaufte er gefrorenes Gemüse. Wafa nennt ihr Vater seine Tochter nach einer progressiven Nachrichtenagentur: „Der Name hat meinem Leben eine Richtung gegeben,“ sagt sie. Seit sie 14 Jahre ist, möchte sie Kriegsreporterin werden. Wafa deutet mit dem Kopf in Richtung Bett. Die Wände hat sie gleich bei ihrer Ankunft 2016 mit Fotos tapeziert: Besonders viele zeigen ihre Familie: Sie zusammen mit ihrem Vater auf einer Fähre, ihre Familie zusammen im Elternhaus, sie und ihre Schwestern als Kinder. Wenn Wafa aufwacht, fällt ihr Blick als allererstes auf diese Bilder.
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Überall in ihrem Zimmer hat Wafa Fotos von ihrer Familie platziert – sie helfen ihr, sich wohl zu fühlen
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Was bedeutet Dir Dein Studium in Deutschland?
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2011 wird sie und auch ihr Vater das erste Mal festgenommen. Ein paar Tage lang ist sie in einer Art Lager, wo genau, das weiß sie bis heute nicht. Ihr Onkel erreicht, dass sie frei gelassen wird. „Ich hatte großes Glück“, sagt sie. Nach der Festnahme schickt ihr Vater sie zu Bekannten nach Aleppo, dort versteckt sie sich. Fünf Wochen lang verlässt sie dort das Haus nicht. Irgendwann kann sie nicht mehr. „Ich drehe durch“, sagt sie ihrem Vater am Telefon. Sie kehrt nach Hause zurück. Im November 2011, nach ihrer Rückkehr nach Damaskus, muss sie aber das College verlassen.    

Die Zeit danach erscheint ihr in der Rückblende wie in einem Zeitraffer: Im März 2013 wird ihr bester Freund auf offener Straße erschossen. Am 2. Juli 2013 verschwindet ihr Vater. Eine Woche später flieht Wafa zusammen mit ihrer Mutter und Schwester in die Türkei. Sie tragen nichts bei sich, noch nicht mal die Mobiltelefone, 17 Stunden brauchen sie, dann erreichen sie die Türkei.

Nach ihrer Ankunft wird Wafa krank. Eine befreundete Ärztin verschreibt ihr Antidepressiva, die Tabletten helfen, den Alltag zu meistern. Erst in Deutschland geht es ihr langsam besser.  

Experten schätzen, dass rund 40 Prozent der Flüchtlinge traumarisiert sind. „Die häufigsten Probleme sind psychische Leiden durch Fluchterfahrungen und familiäre Auseinandersetzungen,“ sagt Yasaman Soltani, die an der Beratungsstelle für Flüchtlinge am Institut für Psychologie der Goethe Universität in Frankfurt arbeitet. Die Beratungsstelle für Flüchtlinge wurde im April 2016 gegründet, um geflüchteten Patienten muttersprachliche oder dolmetschergestützte Therapie anzubieten. Hier werden ihnen Einzelberatungen in der Muttersprache, zumeist Arabisch und Farsi, angeboten. „Diese professionelle Unterstützung ist extrem wichtig, um das Erlebte zu bewältigen und damit auch erfolgreich studieren zu können“, sagt Soltani.
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Es klopft an der Tür, ein Kommillitone drückt ihr ein Buch in die Hand: James Joyces Ulysses. Sie muss die Geschichte für eines der Seminare lesen, klingt ganz interessant, sagt sie und legt das Buch in das Regal. Zurzeit sind noch Semesterferien, nächste Woche gehen die Kurse wieder los. Heute freut sie sich auf die Kurse: „Aber der Beginn …“, sie zuckt die Schultern. „Ich habe mich wie ein Pokemon gefühlt, wie jemand von einem anderen Planeten.“

Fast sechs Jahre lang waren seit ihrem Journalismus-Studium in Damaskus vergangen, als Wafa plötzlich wieder im Herbst 2013 in einem Seminarraum am Bard Collage sitzt.   Wie bei vielen anderen Flüchtlinge ist ihre Biographie und ihr Lebenslauf nicht mehr gradlinig, sondern durchbrochen durch die Flucht. Sie muss sich mühsam wieder daran gewöhnen, in einem Hörsaal einem Professor stundenlang zuzuhören, Prüfungen zu schreiben und abends noch konzentriert zu lernen. Noch dazu sind viele Studenten deutlich jünger als sie. „Bist du wirklich aus Syrien?“, fragten ihre Kommilitonen sie. Sie versteht die Neugierde, aber die Fragen strengen sie auch an. Und trotzdem: Plötzlich bekommt ihr Leben wieder eine Richtung, eine neue Perspektive. Sie lernt andere syrische Studenten kennen, findet deutsche Freunde und Vertraute in Berlin. Sie fängt wieder ein Leben an. „Hier werde ich langsam wieder die Wafa, die ich in Syrien war,“ sagt sie.    

In Berlin tritt sie Families for Freedom bei, einem Verein syrischer Frauen, die sich weltweit dafür einsetzen, dass niemand die Verschwundenen in Syrien vergisst und dass Regierungen, NGOs und Menschenrechtsgruppen dafür kämpfen, dass diese Menschen freikommen.   Die Arbeit, wird sie später erzählen, helfe ihr das Ohnmachtsgefühl zu bekämpfen, welches sie oft befällt und ihr das Gefühl gibt „als würde man plötzlich aufwachen und einem würde ein Arm oder Bein fehlen.“ „Syrien bleibt meine Heimat“, sagt sie. Irgendwann möchte sie zurückkehren – und ihr Land aufbauen.
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Die Zukunft

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Vor drei Jahren überquerte Samar Samara zusammen mit einem Freund die deutsche Grenze. Heute hört man ihrem Deutsch kaum an, dass sie aus Syrien kommt, sie studiert Automatisierungstechnik und macht ab März ein Praktikum am renommierten Fraunhofer Institut in Berlin. Wie hat sie das geschafft?

An einem sonnigen Donnerstagmittag Mitte Januar läuft Samar Samara mit schwungvollen Schritten durch die Mensa der Technischen Hochschule in Wildau. Viel Zeit zum Essen hat sie heute nicht. Gleich steht noch eine Laborübung auf ihrem Stundenplan und am Nachmittag wird sie sich wieder an den Schreibtisch in ihrer Wohngemeinschaft setzen. Draußen ist es grau und kalt, aber ab und zu reißt der Himmel auf. Hier in dem kleinen Ort mit seinen knapp 10 000 Einwohnern in Brandenburg studiert Samar Automatisierungstechnik.  

Es sind die letzten Wochen vor dem Semesterende und es vergehen kaum Tage, an denen nicht eine Klausur, eine Präsentation oder Abgabe einer Seminararbeit ansteht. Sie seufzt. „Es ist einfach sehr viel.“ Samar ist froh, wenn sie mit allem durch ist. Sie ist eine junge Frau, 27 Jahre alt, die ihre langen, braunen Haare in einen Pferdeschwanz gebunden hat, die Boots trägt und Jeans und die gerne die Farbe Weinrot mag.  

Trotz der Eile grüßt sie rechts und links an den Tischen ihre Kommilitonen. „Meine Freunde wundern sich immer, wie viele ich hier kenne“, sie lacht jetzt. Drei Jahre ist es her, dass Samar mit ihrem Freund von Syrien über die Türkei nach Deutschland floh. Manchmal scheint sie es selber kaum zu glauben, was seitdem passiert ist. Wo sie heute steht. Dass sie so erfolgreich Automatisierungstechnik studiert – einen Studiengang, an den sich nur wenige Frauen herantrauen. Dass ihr letztes Semester ein Professor ihrer Fakultät eine Hiwi Stelle angeboten hat – ihr Deutsch ist so gut, dass ihr kaum noch Fehler unterlaufen und sie im März ein Praktikum am renommierten Fraunhofer Institut in Berlin beginnt. „Deutschland ist meine Zukunft,“ sagt sie. Sie weiß, dass es nicht allen Flüchtlingen so leicht fällt, in dem fremden Land und an der Hochschule anzukommen.

Sie reiht sich in die Schlange der Studierenden ein und schiebt ihr Tablett über die Ablage an den Essensausgaben vorbei. Rechts, zu Beginn, können sie sich Cola, Wasser oder Apfelschorle in Becher füllen, danach schaufeln die Köche ihnen aus riesigen Behältern das Essen auf die Teller. Samar balanciert ihr Tablett mit dem Kartoffelauflauf und einem kleinen Schälchen mit Vanille-Schokopudding durch die Reihen. „Habt ihr noch einen Platz frei“, ruft sie einem Tisch in einer Ecke zu. Sie lässt sich zwischen zwei Jungs auf einen Stuhl fallen. Mit Samar am Tisch sitzen noch acht andere Kommilitonen – alles Männer. Sie tragen Cappies, Kapuzenpullover und Mützen. Vor ihnen auf dem Teller liegen panierte Schnitzel, Berge an Pommes und weich gekochter Rosenkohl. Samar ist seit ein paar Wochen Vegetarierin. Seit sie in den Weihnachtsferien eine Dokumentation über Massentierhaltung gesehen hat, isst sie kein Fleisch mehr. „Das kann man wirklich nicht machen“, sagt sie und wirft einen strengen Blick auf den Teller ihres Sitznachbars.
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Technik interessierte Samar schon immer, später möchte sie im Bereich Robotik arbeiten
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Was ist Heimat für Dich?
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Wo sind denn die ganzen Frauen, dachte sie am ersten Tag als sie den Hörsaal betrat. Nachdem der Studiengangleiter seine Einführung gehalten hatte, musste sie sie sich als allererstes vorstellen: „Ladys first", hatte er gesagt. Samar war aufgeregt gewesen vor allen zu sprechen. Damals im Herbst 2016 war sie erst seit einem guten Jahr in Deutschland, ihr Deutsch „noch nicht perfekt“ wie sie es formuliert. Sie lacht, „die Vorstellung habe ich hinbekommen“, sagt sie. In ihrem Semester gibt es nur eine weitere Frau: Eine Inderin, 19 Jahre. Als diese sich immer neben Samar setzen möchte, sagt sie: Ich mag Dich, aber ich möchte nicht immer neben Dir sitzen: „Das war nicht böse gemeint.“ Was sie nur nicht möchte ist: Sich von ihren deutschen Kommilitonen abzusondern. Diese neuen Kontakte sind ihr wichtig und geben ihr Halt. Sie trinkt keinen Alkohol und ihre männlichen Kollegen sind abends gerne mal unterwegs, da ist sie nicht dabei. Und trotzdem: Sie fühlt sich wohl und wird so akzeptiert.

Warum Samar heute so selbstverständlich und selbstbewusst über den Campus läuft, hängt auch mit Menschen wie Benita Grafe-Bourdais zusammen. Benita Grafe-Bourdais gehört zu einer der beiden Frauen, die das Welcome-Center an der Hochschule in Wildau ins Leben rief. Man muss sich den kleinen Raum im obersten Stockwerk als eine Art Drehkreuz für Flüchtlinge an der Hochschule vorstellen. Wenn sie ein Problem haben, wenn sie mal nicht weiterwissen oder auch einfach mal nur einen Tee möchten, dann stehen sie vor Grafe-Bourdais´ Tür. Ein kleiner schlichter Raum mit zwei Schreibtischen, an denen Benita und ihre Kollegen sitzen, an den Wänden Fotos von Studenten und Zeitungsausschnitte aus der Lokalpresse, die über das Zentrum berichten. Das, was im Allgemeinen überall mit dem etwas technischen Begriff Willkommenskultur beschrieben wird, beginnt hier an der Universität bei Benita Grafe-Bourdais. Sie strahlt, wenn sie davon erzählt, wie es mit dem Welcome-Center los ging. Im Jahr 2016 wuchs an den Hochschulen sehr schnell das Bewusstsein, dass mehr nötig ist als Sprachkurse anzubieten, um diese Studierenden zu integrieren, erzählt sie.

Auch Samar Samara gehört zu den ersten Flüchtlingen, die im Oktober 2016 vor Benita saßen. Samar deutet auf ein Foto an der Wand. Es zeigt sie und ihre Abschlussklasse des Studienvorbereitungskurses im Juni 2017. Samar steht links vorne und grinst in die Kamera. Es ist ein schönes Bild, Benita mag es sehr, auch weil fast alle, die hier zu sehen sind, immer noch erfolgreich an der TH studieren.    

Samar fällt im Kurs auf, sie lernt schneller Deutsch als alle anderen, braucht keine Hilfe, um sich durch die deutsche Uni-Bürokratie zu kämpfen, füllt alle Anträge alleine aus, während die anderen Kursteilnehmer immer wieder Benita und ihre Kollegen um Rat fragen: „Sie ist eine Überfliegerin“, sagt Benita und irgendwie ist sie auch ein bisschen stolz auf sie.  

Als Samar den Kurs beendet, fragte eine Kollegin von Grafe-Bourdais Samar, ob sie nicht Lust hätte, im Welcome -Center zu arbeiten. Junge Flüchtlinge in Empfang zu nehmen, sie bei der Wahl ihres Studienfaches zu unterstützen, aber vor allem: ihnen an der Universität ein Gefühl von Zuhause zu geben – einfach dazuzugehören. „Ich kenne das Gefühl, wie es ist, neu anzufangen,“ sagt Samar. Sie zeigt den Flüchtlingen die Räumlichkeiten, führt sie durch die Hochschule, übersetzt Zeugnisse, hilft ihnen bei den Bewerbungen und bei den Bafög-Anträgen. Sie lacht, „viel Bürokratie“. Von da an ist sie nicht mehr nur ein Flüchtling, jemand der fremd und neu ist, sondern ein Vorbild, eine, die zwischen verschiedenen Kulturen vermittelt. „Es hilft ihnen, zu sehen, dass ich es geschafft habe.“
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Seit ein paar Wochen hat sie nun einen neuen Job bei ihrem Professor am Lehrstuhl als studentische Hilfskraft. Die Stelle bringt ihr mehr für ihre berufliche Laufbahn, aber trotzdem:    

„Ich vermisse das Welcome-Center.“   Immer wenn sie gerade in der Nähe ist, schaut sie deshalb kurz bei Grafe-Bourdais vorbei, für einen Kaffee, einen Tee oder ein kurzes Gespräch. Auch heute klopft sie an die Tür im obersten Stock. Sie umarmt Benita.   „Wie läuft es bei Dir, Samar?" „Viel zu tun“, antwortet Samar. Es klopft wieder. Ein junger Mann kommt herein, ein schmales Gesicht, kurze Haare, aus dem Iran. Er hat gerade seinen Integrationskurs und die Deutschkurse absolviert – er darf jetzt studieren. Nur was? Er hofft, dass ihm Benita Grafe-Bourdais vielleicht helfen kann.  

 „Wenn du einen Wunsch hättest, was würdest Du machen wollen“, fragt Grafe-Bourdais. „Irgendetwas mit Medien“, der junge Mann flüstert fast. „Möchtest Du Journalist werden“, fragt Grafe-Bourdais. Mein Vater möchte, dass ich Ingenieurwissenschaften studiere oder wenigstens Medizin, er schaut an Benita vorbei. „Bist du denn gut in Naturwissenschaften, in Mathe zum Beispiel?“ fragt Samar. Er nickt. „Das ist doch super“. Wenn du mit einem Ingenieurwissenschaftsstudium fertig bist, bekommst du leichter einen Job. Die Konkurrenz ist nicht so groß.  

Benita und Samar sprechen es nicht aus, aber ihre Erfahrungen zeigen: Oft stellen die Firmen doch lieber einen Muttersprachler ein – der Bedarf an Ingenieuren ist in den deutschen Unternehmen groß. BWL zu studieren ist schwieriger, die Sprache spielt eine größere Rolle und es gibt sehr viele Deutsche, die das studieren.  

Samar hat einen Notendurchschnitt von 1,8, ihr Deutsch ist nahezu perfekt, nur sehr selten vertauscht sie noch einen Artikel – aber als sie einen Praktikumsplatz suchte, schrieb sie fast 30 Bewerbungen, ihre Kommilitonen oft nur eine Handvoll, sie begann im Oktober mit der Suche, die anderen im Januar. „Wenn die Firmen meinen Namen lesen, wissen sie sofort, dass ich nicht Deutsch bin, sondern sie ahnen vermutlich, dass ich aus dem arabischen Raum komme. Wir müssen uns mehr Mühe geben“, sagt sie. Wir, damit meint sie sich und die anderen Flüchtlinge. Was sie von ihren Freunden, die ebenfalls nach Deutschland geflohen sind hört, klingt ähnlich.  

„Viele Flüchtlinge wissen erst einmal nicht wo sie anfangen sollen, manche haben noch sprachliche Probleme, manche wissen nicht, wie ein Lebenslauf in Deutschland aufgebaut, wie ein Anschreiben formuliert wird,“ sagt Sarah Hartmann. Sie arbeitet an der Humboldt Universität im Bereich Internationalisierung und koordiniert das Angebot für Flüchtlinge an den Universitäten. Seit diesem Jahr bietet die HU auch eine Workshop-Reihe an, die sich mit dem deutschen Arbeitsmarkt und dem Berufseinstieg beschäftigt. „Wir haben gemerkt, dass hier Bedarf ist,“ sagt Hartmann. Dann nämlich, wenn es um den Übergang vom Studium in das Berufsleben geht – darum, das umzusetzen, was sie an der Universität in der Theorie gelernt haben.

Vielen erscheint diese Hürde wie ein Nadelöhr oder auch eine Black Box – die Mechanismen und (teilweise auch informellen) Regeln, die sie aus ihren Heimatländern kennen, scheinen in Deutschland nicht zu funktionieren. „Es reicht nicht nur, die Studenten zu Beginn ihres Studiums verstärkt zu betreuen, auch am Ende brauchen sie gezielt Unterstützung,“ sagt Hartmann.  

Samar bekam Ende des Jahres endlich eine Zusage: Beim Fraunhofer Institut in Berlin wurde sie sofort zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Das Gespräch lief gut, sie soll einen Doktoranden bei seiner Arbeit unterstützen. Wenn der persönliche Kontakt erst mal da ist, läuft es, sagt sie. Schließlich wurde sie zu vier Vorstellungsgesprächen eingeladen, alle vier Arbeitgeber boten ihr eine Stelle an.  

Wenn man sie am Ende eines Tages dann fragt, wie sie es geschafft hat, dass heute, drei Jahre später, alles so perfekt aussieht, sagt sie und es klingt banal, aber man weiß, dass es das nicht ist: „Man muss auf alle zugehen und den ersten Schritt machen.“ Und: „Niemals aufgeben.“
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Herausgeber:
Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD)
Referat Hochschulprogramme für Flüchtlinge 

Projektteam:
Katharina Fourier (verantwortlich)
Linn Hildebrandt (Projektkoordination) 

Text und Konzeption:
Linda Tutmann, freie Journalistin und Autorin, Berlin 

Fotograf:
Dominik Butzmann, Berlin 

Grafische Gestaltung:
Felix Nowack, Creative Direction, Berlin

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Welche Faktoren beeinflussen den Erfolg von Studierenden, die aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflohen sind? Ein Interview mit Mohini Lokhande, wissenschaftliche Mitarbeiterin vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration in Berlin.  

Sie haben bei der Studie „Vom Hörsaal in den Betrieb? Internationale Studierende beim Berufseinstieg in Deutschland“, die im Dezember 2017 veröffentlicht wurde, mitgearbeitet. Was unterscheiden die Lebensläufe von Studierenden, die nach Deutschland geflohen sind von denen der anderen Studierenden?  

Die Bildungsbiographien sind oft durch den Krieg und die, teilweise jahrelange Flucht, unterbrochen. Manche saßen sehr lange nicht mehr in einem Klassen- oder Seminarraum. Gleichzeitig leiden sie unter den emotionalen und psychischen Folgen der Flucht, die Sorge um die zurück gebliebenen Verwandten, das Heimweh oder traumatische Erfahrungen, die sie beschäftigen. All das prägt natürlich auch ihr Herangehen an ein Studium.   Dazu kommen ganz praktische und teilweise existenzielle Probleme: Können sie sich ein Studium leisten? Haben sie alle notwendigen Dokumente beisammen? Aber hier hat die Kultusministerkonferenz 2015 eine Lockerung bei dem sogenannten „Feststellungsverfahren“ erleichtert. Abschlüsse sollen schneller und unbürokratischer anerkannt werden. Das gleiche gilt auch für die finanzielle Unterstützung. Trotz allem ist der Start für viele Flüchtlinge an den Universitäten nicht leicht.

Wie können diese Studierenden unterstützt werden?

Besonders wichtig sind soziale Netzwerke und persönliche Kontakte, das hat unsere Studie gezeigt. Einsamkeit ist ein großes Thema, welches dazu führt, dass die Studierenden sich nicht wohl fühlen. Wer sich ständig darüber nachdenkt, ob er nicht doch zurück gehen soll in die Heimat, kann sich nicht auf sein Studium konzentrieren. Wichtig ist es deshalb, dass die deutschen Hochschulen diese soziale Interaktion fördern, durch zum Beispiel Welcome-Programme. Gerade diese soziale Unterstützung gibt ihnen das Gefühl, Willkommen zu sein. Gleichzeitig können diese Kontakte auch sehr wertvoll sein, wenn es darum geht, an der Hochschule zurecht zu kommen. Viele wissen ja nicht, wie ein Studium in Deutschland funktioniert. Da jemanden zu haben, den man immer mal kurz anrufen kann, ist ein entscheidender Punkt bei der Frage, ob ein Studium gelingt und erfolgreich zu Ende geführt wird.

30 Prozent dieser Studierenden aus dem Ausland sucht nach einem Jahr immer noch einen Job, hat Ihre Studie ergeben. Welche Schwierigkeiten gibt es hier?   

Auch hier sind oft die Netzwerke entscheidend: Einen Berater an seiner Seite zu haben, der einen bei der Karriereplanung unterstützt ist enorm wichtig. Jemand, der am Besten schon während des Studiums anregt, ein Kontakte zu zum Beispiel deutschen Unternehmen zu knüpfen, durch zum Beispiel ein Praktikum oder einen Nebenjob. Wenn so ein Freund oder Mentor fehlt, ist es schwierig.   Auf der anderen Seite können Freunde und Familie im Heimatland auch das Einleben und die Aufnahme eines Jobs behindern: Wenn die Familie Zuhause akzeptiert, dass der Sohn oder die Tochter in Deutschland bleibt und arbeitet, ist das für die ganzen Prozess der Jobfindung sehr förderlich. Der Wille und Wunsch ist bei vielen ja da: 70 Prozent dieser Gruppe wollen gerne bleiben und auch auf der Seite der deutschen Wirtschaft besteht ein großes Interesse daran, dass diese gut ausgebildeten Fachkräfte dem deutschen Arbeitsmarkt erhalten bleiben.

Beziehungen sind also das wichtigste?

Ja! Wer sich in Deutschland verliebt, wer gute Freunde findet, einen guten Draht zu einem Professor hat, bei dem ist die Chance, dass er bleibt und sich motiviert einen Job sucht sehr groß.
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Moahamad

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Sprichwort

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Heimatliebe

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Spielende Kinder, Mossul
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Spielende Kinder, Mossul
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Fenster und Tür, Mossul
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das blaue Fenster, Köln
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Dieses Land ist kein Land
Es ist Besetzung/Behauptung/Belagerung/Bestrafung und Beschränkung Verhaftung/Gerede/Geld und Blut/Betrug/Petrol und Tod
Es ist Weinen/Heulen/Flucht und Kugeln
Es sind Gräber/Soldaten/Geschosse/Wunden
Dieses Land ist kein LandScham der Freude als Gast zu traurigen Geburtstagen
Gibt es ein Land, wie dieses Land, in dem die Trauer geboren wird?
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Wafa

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Tobias habe ich an der Bushaltestelle angesprochen. Er stand dort alleine rum und ich kannte ihm vom sehen aus unserer Welcome Week an der Universität. Wir haben zusammen den Masterstudiengang Management angefangen. „Kennen wir uns nicht, habe ich zu ihm gesagt?“ So sind wir ins Gespräch gekommen. Ich habe ihn dann zu mir nach Hause in meine Einzimmer Wohnung eingeladen. Ich koche sehr gerne, besonders arabische Gerichte, mit Fleisch und Reis. Tobias mag das sehr gerne.

Wir waren beide neu in Siegen, ich habe vorher in einem Flüchtlingsheim in Plettenberg gewohnt und er hat in einer anderen Stadt seinen Bachelor gemacht. Ich war schon einige Monate vor ihm in Siegen, deshalb kannte ich mich gut aus. Ich konnte ihm zeigen, wo die günstigen Supermärkte sind und welche Busse wohin fahren. Wir sind ja quasi Nachbarn, er wohnt nur ein paar Straßen weiter. Freitags schauen wir oft Serien zusammen, zum Beispiel „Die Anstalt“. Die ist wirklich super. Tobias erzählt mir auch viel über Deutschland und die deutsche Kultur. Neulich habe ich gelernt, was die fünf-Prozent-Klausel bedeutet. So etwas gibt es in Syrien nicht. Früher wollte ich eigentlich Politikwissenschaften studieren, aber dann ist es doch Wirtschaftswissenschaften geworden. Das Gute ist auch: Da Tobias und ich das gleiche studieren, lernen wir auch für die Prüfungen zusammen. Nächste Woche schreiben wir eine Klausur im Fach Personal-Management.

Ich bin seit Oktober 2015 in Deutschland und komme aus Syrien. Dort hatte ich schon BWL studiert, musste das Studium aber dann wegen meiner Flucht unterbrechen. Mein Deutsch ist mittlerweile gut, aber manchmal fehlen mir noch Fachvokabeln, dann kann ich ihn immer fragen. Oder manchmal haben die Wörter auch mehrere Bedeutungen, die ich nicht alle weiß. Wenn ich längere Texte schreiben muss, liesst Tobias sie auch Korrektur. Gerade wenn man in einem fremden Land lebt, ist es wichtig, Freunde zu haben, die einen unterstützen und die wissen, wie alles läuft, an der Universität natürlich oder auch beim Finanzamt. Was willst Du nach der Universität machen, hat mich Tobias neulich gefragt. Eigentlich möchte ich in Deutschland arbeiten, ich träume davon, mich selbständig zu machen, ein eigenes Business aufzumachen. Tobias und ich haben dann über die Vor- und Nachteile der Selbständigkeit gesprochen. Vermutlich müsste ich aber in eine größere Stadt ziehen, Siegen ist zu klein, das sieht Tobias auch so.

        
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Freundschaften sind mir sehr wichtig, Menschen, um mich zu haben, bei denen ich mich angenommen fühle, gerade in einem Land, welches nicht mein Heimatland ist. Dennis kenne ich seit dem Mathekurs an der Universität, wir haben uns gleich gut verstanden und dann auch zusammen gelernt. Ich arbeite heute auch als Mathetutor und konnte ihm damals auch einiges erklären, wenn er mit einer Aufgabe nicht weiter gekommen ist. Heute studiere ich Angewandte Geologie und er Ingenieurwissenschaften, so dass wir uns nicht dauernd an der Universität sehen. Aber dafür gibt es ja auch das Wochenende oder die Abende. Neulich war ich bei ihm zum Geburtstag eingeladen, wir waren in einem Restaurant in Gelsenkirchen und ich habe auch ein paar seiner Freunde kennengelernt. Das war schön. Dennis hilft mir immer, wenn ich zum Beispiel Briefe von einer deutschen Behörde bekomme und ich sie nicht alleine übersetzen kann. Eigentlich habe ich nicht viele Schwierigkeiten, aber manchmal ist das Deutsch der Ausländerbehörde etwas kompliziert zu verstehen. Aber Dennis macht das gerne. Das schöne an unserer Freundschaft ist, dass wir nicht nur zusammen lernen oder studieren können, sondern auch viel zusammen lachen. An ihm mag ich, dass wir über alles Reden können, über Politik, das Leben und ja auch über die Liebe. Ich hatte schon eine deutsche Freundin und als ich sie kennengelernt habe, habe ich Dennis gefragt, was deutsche Frauen gerne mit ihrem Freund unternehmen. Er hat gesagt, dass ich mit ihr einen Kaffee trinken gehen soll oder ins Kino oder auch mal in ein Restaurant. Dennis wünscht sich eine arabische Freundin. Da versuche ich ihn zu beraten. Leider hat es noch nicht geklappt.
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Welche Faktoren beeinflussen den Erfolg von Studierenden, die aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflohen sind? Ein Interview mit Mohini Lokhande, wissenschaftliche Mitarbeiterin vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration in Berlin.  

Sie haben bei der Studie „Vom Hörsaal in den Betrieb? Internationale Studierende beim Berufseinstieg in Deutschland“, die im Dezember 2017 veröffentlicht wurde, mitgearbeitet. Was unterscheiden die Lebensläufe von Studierenden, die nach Deutschland geflohen sind von denen der anderen Studierenden?  

Die Bildungsbiographien sind oft durch den Krieg und die, teilweise jahrelange Flucht, unterbrochen. Manche saßen sehr lange nicht mehr in einem Klassen- oder Seminarraum. Gleichzeitig leiden sie unter den emotionalen und psychischen Folgen der Flucht, die Sorge um die zurück gebliebenen Verwandten, das Heimweh oder traumatische Erfahrungen, die sie beschäftigen. All das prägt natürlich auch ihr Herangehen an ein Studium.   Dazu kommen ganz praktische und teilweise existenzielle Probleme: Können sie sich ein Studium leisten? Haben sie alle notwendigen Dokumente beisammen? Aber hier hat die Kultusministerkonferenz 2015 eine Lockerung bei dem sogenannten „Feststellungsverfahren“ erleichtert. Abschlüsse sollen schneller und unbürokratischer anerkannt werden. Das gleiche gilt auch für die finanzielle Unterstützung. Trotz allem ist der Start für viele Flüchtlinge an den Universitäten nicht leicht.  

Wie können diese Studierenden unterstützt werden?   

Besonders wichtig sind soziale Netzwerke und persönliche Kontakte, das hat unsere Studie gezeigt. Einsamkeit ist ein großes Thema, welches dazu führt, dass die Studierenden sich nicht wohl fühlen. Wer sich ständig darüber nachdenkt, ob er nicht doch zurück gehen soll in die Heimat, kann sich nicht auf sein Studium konzentrieren. Wichtig ist es deshalb, dass die deutschen Hochschulen diese soziale Interaktion fördern, durch zum Beispiel Welcome-Programme. Gerade diese soziale Unterstützung gibt ihnen das Gefühl, Willkommen zu sein. Gleichzeitig können diese Kontakte auch sehr wertvoll sein, wenn es darum geht, an der Hochschule zurecht zu kommen. Viele wissen ja nicht, wie ein Studium in Deutschland funktioniert. Da jemanden zu haben, den man immer mal kurz anrufen kann, ist ein entscheidender Punkt bei der Frage, ob ein Studium gelingt und erfolgreich zu Ende geführt wird.  

30 Prozent dieser Studierenden aus dem Ausland sucht nach einem Jahr immer noch einen Job, hat Ihre Studie ergeben. Welche Schwierigkeiten gibt es hier?  

Auch hier sind oft die Netzwerke entscheidend: Einen Berater an seiner Seite zu haben, der einen bei der Karriereplanung unterstützt ist enorm wichtig. Jemand, der am Besten schon während des Studiums anregt, ein Kontakte zu zum Beispiel deutschen Unternehmen zu knüpfen, durch zum Beispiel ein Praktikum oder einen Nebenjob. Wenn so ein Freund oder Mentor fehlt, ist es schwierig.   Auf der anderen Seite können Freunde und Familie im Heimatland auch das Einleben und die Aufnahme eines Jobs behindern: Wenn die Familie Zuhause akzeptiert, dass der Sohn oder die Tochter in Deutschland bleibt und arbeitet, ist das für die ganzen Prozess der Jobfindung sehr förderlich. Der Wille und Wunsch ist bei vielen ja da: 70 Prozent dieser Gruppe wollen gerne bleiben und auch auf der Seite der deutschen Wirtschaft besteht ein großes Interesse daran, dass diese gut ausgebildeten Fachkräfte dem deutschen Arbeitsmarkt erhalten bleiben.  

Beziehungen sind also das wichtigste?

Ja! Wer sich in Deutschland verliebt, wer gute Freunde findet, einen guten Draht zu einem Professor hat, bei dem ist die Chance, dass er bleibt und sich motiviert einen Job sucht sehr groß.
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Tobias habe ich an der Bushaltestelle angesprochen. Er stand dort alleine rum und ich kannte ihm vom sehen aus unserer Welcome Week an der Universität. Wir haben zusammen den Masterstudiengang Management angefangen. „Kennen wir uns nicht, habe ich zu ihm gesagt?“ So sind wir ins Gespräch gekommen. Ich habe ihn dann zu mir nach Hause in meine Einzimmer Wohnung eingeladen. Ich koche sehr gerne, besonders arabische Gerichte, mit Fleisch und Reis. Tobias mag das sehr gerne.

Wir waren beide neu in Siegen, ich habe vorher in einem Flüchtlingsheim in Plettenberg gewohnt und er hat in einer anderen Stadt seinen Bachelor gemacht. Ich war schon einige Monate vor ihm in Siegen, deshalb kannte ich mich gut aus. Ich konnte ihm zeigen, wo die günstigen Supermärkte sind und welche Busse wohin fahren. Wir sind ja quasi Nachbarn, er wohnt nur ein paar Straßen weiter. Freitags schauen wir oft Serien zusammen, zum Beispiel „Die Anstalt“. Die ist wirklich super. Tobias erzählt mir auch viel über Deutschland und die deutsche Kultur. Neulich habe ich gelernt, was die fünf-Prozent-Klausel bedeutet. So etwas gibt es in Syrien nicht. Früher wollte ich eigentlich Politikwissenschaften studieren, aber dann ist es doch Wirtschaftswissenschaften geworden. Das Gute ist auch: Da Tobias und ich das gleiche studieren, lernen wir auch für die Prüfungen zusammen. Nächste Woche schreiben wir eine Klausur im Fach Personal-Management.

Ich bin seit Oktober 2015 in Deutschland und komme aus Syrien. Dort hatte ich schon BWL studiert, musste das Studium aber dann wegen meiner Flucht unterbrechen. Mein Deutsch ist mittlerweile gut, aber manchmal fehlen mir noch Fachvokabeln, dann kann ich ihn immer fragen. Oder manchmal haben die Wörter auch mehrere Bedeutungen, die ich nicht alle weiß. Wenn ich längere Texte schreiben muss, liesst Tobias sie auch Korrektur. Gerade wenn man in einem fremden Land lebt, ist es wichtig, Freunde zu haben, die einen unterstützen und die wissen, wie alles läuft, an der Universität natürlich oder auch beim Finanzamt. Was willst Du nach der Universität machen, hat mich Tobias neulich gefragt. Eigentlich möchte ich in Deutschland arbeiten, ich träume davon, mich selbständig zu machen, ein eigenes Business aufzumachen. Tobias und ich haben dann über die Vor- und Nachteile der Selbständigkeit gesprochen. Vermutlich müsste ich aber in eine größere Stadt ziehen, Siegen ist zu klein, das sieht Tobias auch so.

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Neulich war ich bei ihm zum Geburtstag eingeladen, wir waren in einem Restaurant in Gelsenkirchen und ich habe auch ein paar seiner Freunde kennengelernt. Das war schön. Dennis hilft mir immer, wenn ich zum Beispiel Briefe von einer deutschen Behörde bekomme und ich sie nicht alleine übersetzen kann. Eigentlich habe ich nicht viele Schwierigkeiten, aber manchmal ist das Deutsch der Ausländerbehörde etwas kompliziert zu verstehen. Aber Dennis macht das gerne.

Das schöne an unserer Freundschaft ist, dass wir nicht nur zusammen lernen oder studieren können, sondern auch viel zusammen lachen. An ihm mag ich, dass wir über alles reden können, über Politik, das Leben und ja auch über die Liebe. Ich hatte schon eine deutsche Freundin und als ich sie kennengelernte, habe ich Dennis gefragt, was deutsche Frauen gerne mit ihrem Freund unternehmen. Er hat gesagt, dass ich mit ihr einen Kaffee trinken gehen soll oder ins Kino oder auch mal in ein Restaurant. Dennis wünscht sich eine arabische Freundin. Da versuche ich ihn zu beraten. Leider hat es noch nicht geklappt.
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